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… was bisher geschah (Teil 4)

Zurück in die Vergangenheit: der Gran Premio Nuvolari

Ich kann es selber noch nicht richtig glauben, was ich in diesen vier Tagen letzten Herbst erlebt habe; ein Highlight reiht sich an das andere. Die traumhaften Momente fanden ihren Gegenpart im katastrophal schlechten Fahrvermögen der Italiener. Die guten Momente vermochten das Spiel aber in frappierendem Ausmass für sich zu entscheiden. Was Beginn und Ende verbindet: die Hin- und Rückreise über den Bernina. Für mich und viele andere ist er der schönste Pass der Schweiz und einen Wochenendausflug wert, doch dieses Mal war er nur ein kleiner Teil des Gesamterlebnisses: Mit dem Caterham zum Gran Premio Nuvolari.

Simon, der Vor-Vor-Besitzer des grünen Lords, hat eine Schwäche für alte Autos. Ich auch. Seine ist so gross, dass er öfters an Oldtimer-Veranstaltungen teilnimmt. So auch im letzten Jahr, am Gran Premio Nuvolari und zwar mit einem 1938er Jaguar SS 100 . Neben der Mille Miglia ist der GP Nuvolari die grösste Oldtimer-Veranstaltung Italiens. Er führte die bis zu 86 Jahre alten Autos in drei Tagen durch die Emilia Romagna und die Toskana, von Mantova über Rimini nach Siena und wieder zurück.

Vor einigen Jahren durfte ich als Simon’s Co-Pilot in seinem Caterham R400 die Mille Miglia geniessen, wobei sich mir nicht nur die schöne Seite Italiens eröffnete: Zu sehen, wie Autos aus der Vorkriegszeit am Limit bewegt werden, lässt mir auch in Gedanken daran noch die Nackenhaare zu Berge stehen. Ich entschloss mich, den GP Nuvolari im grünen Lord vor Ort mitzuerleben.

So fuhr ich also am Donnerstagmittag, ausgerüstet mit Navi, Musik und zwei Hotelreservationen in den Süden: Lenzerheide, Julier, Bernina, Aprica und dann auf unzähligen, winzigen Strässchen über den Berg zum Gardasee wo ich in Desanzano mein erstes Zimmer bezog und nach einer Pizza und gutem Kaffee mit wummerndem Körper wohlig entschlief (das treibende Wummern und der sturme Kopf hielten an bis am Montag Morgen nach dem Ausflug, als mich der Wecker zurück in den Stollen rief).

Am Freitagmorgen fand im Palazzo Te nahe Mantova die technische Abnahme statt. Der Start war am Mittag auf der Piazza Sordello, was mich dazu bewegte, den Morgen ruhig anzugehen. Nach leichtem Regen traf ich einige Zeit vor dem Start Simon und seinen langjährigen Co-Piloten Hanspeter zu einem Cappucino. Gestartet wurde in der Reihenfolge des Alters. Die Startnummer 1 ist schon seit vielen Jahren für Tazio Nuvolari reserviert, so dass das erste, startende Auto die Nummer 2 trug, ein Schweizer Bentley aus dem Jahre 1923. Dahinter folgten einige Bugatti der Typen 23, 35 und 37 und weitere eindrucksvolle Vorkriegsfahrzeuge von Alfa Romeo, Amilcar, Riley, Lagonda, Jaguar oder Aston Martin, um nur einige Marken zu nennen. Die Fahrer stammten grösstenteils aus Italien, aber auch aus Deutschland, Frankreich, Holland, der Schweiz, oder reisten gar aus Japan, Argentinien oder Brasilien an. Der Hauptsponsor Audi stellte einige historische Pretiosen, wie auch die diversen Presse- und Begleitfahrzeuge: Man sah des Öfteren Fotografen auf dem Heck eines Audi RS4 Cabrios liegend oder auf dem Sitz eines Lamborghini Gallardo Spyder stehend die fahrenden Autos ablichten.

Die erste Etappe führte zurück zum Palazzo Te, wo vorher die technische Abnahme statt fand und nun einige bis zu 12 Sekunden kurze Wertungsprüfungen warteten. Die Route führte weiter über Suzzara, Imola, San Marino und über den Rundkurs von Misano zum Grand Hotel Rimini. Weil jede Abzweigung mit roten Pfeilen gut gekennzeichnet waren, fand ich den Weg auch ohne Karten-Susi gut und erlebte so nicht nur alle Wertungsprüfungen, sondern auch die ganzen Stempelkontrollen mit. Diese waren oft an sehr prominenter Stelle, auf Dorfplätzen oder in Schlössern. Schon von Beginn weg stahl mein Super 7 manchem “original” Oldtimer die Show und vermochte sich stets unbemerkt als Teilnehmer auszugeben. Das einzig entlarvende war die fehlende, grosse Startnummer mit dem Gran Premio Nuvolari - Schriftzug. Meine Tarn-Bemalung bestand aus dem offiziellen Teilnahme-Schild von 2005, dessen aktuelle Ausführung auf allen teilnehmenden Fahrzeugen angebracht war. So wurde ich wie die teilnehmenden Fahrzeuge durch Stempelkontrollen und Zwischenverpflegungs-Punkte gewunken.

Die Etappen des ersten Tages führten auch über die GP Strecke von Imola, wo ich auch unschuldigerweise hineingewunken wurde. Auf dem Rundkurs fanden einzelne Wertungsprüfungen statt, was mich vor der Einfahrt auf den Kurs zögern liess. Schliesslich hängte ich mich aber an ein Presse-Auto, das in gemächlicher Fahrt einen Oldtimer der Auto Union über die Strecke begleitet. Die Strecke war sehr eindrucksvoll, sehr eng für einen F1-Circuit und mit Höhenunterschieden, wie man es am Fernseher nicht wahrnimmt. So konnte ich es mir auch nicht verkneifen, die eine oder andere Kurve im Renntempo zu nehmen, was anscheinend auch den Fotografen zu gefallen schien.

Gegen Abend holte uns der Regen wieder ein und die Strecke führte im Dunkeln über sehr enge, verwinkelte Strässchen bergauf und bergab. Obwohl ich darüber dankbar war, in einem einigermassen modernen Auto zu sitzen, wurde es langsam unangenehm, kalt und spät, so dass ich das Navi montierte und mich zu meinem Hotel in Rimini aufmachte. Dabei verpasste ich nicht nur die Nacht-Wertungsprüfungen auf der Rundstrecke in Misano sondern beim Montieren des Navis meiner Scheibe einen Sprung. Dumm gelaufen, aber Hotel gefunden, Auto in der Garage parkiert und  nach einem Happen italienischer Küche wieder wohlig eingeschlafen.

Am Samstagmorgen klingelte mich der Wecker in unmenschlicher Frühe aus dem Schlaf: mein Mitfahrer kam mit dem Zug in Rimini an. Also machte ich mein Auto bereit und fuhr los in Richtung Bahnhof. Das morgendliche Treiber der Stadt hatte noch nicht richtig begonnen, die Sonne regte sich langsam und die Oldtimer bemühten sich, die Stadt aufzuwecken. Nachdem der leichte Beifahrer und sein spärliches Gepäck verstaut waren, erlebten wir, wozu 80 jährige Autos im Stande sind, wenn sich die Rennleitung tolerant zeigt. Am Freitag machte ich mich mit den ersten Autos auf den Weg und hielt hier und da an, um die Eindrücke einzufangen. Das führte dazu, dass ich bis zum Abend in den hinteren Teil des Feldes geschwemmt wurde. Am Samstag sahen wir dann ein, dass ein schwerer Gasfuss nötig ist, um die Pace der Oldtimer zu halten. Angesichts der hohen Alter der Autos galt die Devise: pedal to the metall!

Die Etappen des Samstages führten uns 500Km durch die traumhaft schöne Toscana, über Arezzo mitten auf die Piazza del Campo, wo sonst nur Fussgänger oder Pferde rein dürfen. Nun wurde neben James Bond also auch uns diese Ehre zu Teil, was wir in vollen Zügen genossen. Ab Siena kürzten wir die Route direkt nach Radda in Chianti ab, wo wir bei einem vorzüglichen Mittagessen an der Strasse die vorbeibretternden Kisten bestaunten. Simon und Hanspeter gesellten sich zu uns und nahmen sich einige Minuten Zeit für einen Caffè. Weiter zogen wir mit einigen kurzen Pausen und im Schwarm der vielen 356er Porsches zurück nach Rimini, wo wir in den Genuss des grossen Gala-Dinners kamen: Die Apéritiv-Häppchen hätten uns schon zufrieden gestellt, ganz zu schweigen vom riesigen Haupt-Buffet, das für jeglichen Geschmack eine Köstlichkeit bereit hielt. So hatten wir auch an diesem Abend dank des vorzüglichen Weines keine Mühe beim Einschlafen.

Am letzten Tag verliessen wir wieder früh die Federn, um die ältesten Autos des Feldes zu begleiten, welche jeweils als erste Starteten. Es war erneut eindrücklich, wie die Fahrer alles aus ihren Pretiösen holten. Es wurde spontan eine dritte Spur gefunden, bei roten Signalen überholt und bei Gelegenheit auch ab und an die Strasse nach links und rechts erweitert: Mit 130Km/h über Land, von Dorf zu Dorf, jedes mit jubelnden Menschenmassen gesäumt.

Um einigermassen rechtzeitig wieder zu Hause zu sein verabschiedeten wir uns bei Ferrara vom Tross und machten uns über schnelle Strassen auf den Heimweg. Der grüne Lord begnügte sich während der vier Tage trotz der zügigen Fahrweise mit 9 Litern Benzin pro 100Km und machte auch sonst keinerlei Anstalten. Es war ein rundum perfektes Erlebnis. Darum nicht zuletzt der Dank an Simon für die Vermittlung, die Insider-Tips und das herrgöttliche Luxus-Dinner. Vom 17. bis zum 20. September 2009 steht ein dicker Balken in meinem Terminkalender: Vergangenheit, ich komme wieder!

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